Brief an das Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen

Sehr geehrter Herr Landrat,

sehr geehrte Damen und Herren,

nachdem ich mir Ihren Online-Fragebogen zur Bürgerbeteiligung zum „Bootfahren auf der Isar“ durchgelesen habe, muss ich leider feststellen, dass dieser nicht (wie beim „Runden Tisch im Dezember 2016“ eigentlich diskutiert) gesamthaft mit allen Arten der Freizeitnutzung und daraus resultierenden Möglichkeiten einer Verbesserung des Schutzes von Fauna und Flora im NSG Isarauen beschäftigt, sondern (vermutlich aufgrund diverser Rettungseinsätze in den letzten Wochen) erneut ausschließlich und in einseitiger Weise auf den Bootsverkehr abzielt.

So ist schon die erste Frage, ab welchem Pegel der Fluss bei Hochwasser gesperrt sein sollte, völlig unsinnig: Die Isar ist ein Wildfluss, bei dem es auch bei niedrigen Wasserständen unvermittelt zu gefährlichen (Baum-) Hindernissen kommen kann. Somit kommt der Erfahrung und Bootsbeherrschung eine deutlich höhere Bedeutung für die Sicherheit zu als dem Wasserstand: Zwar besteht für Schlauchboote mit ungeübter Besatzung bei Niedrigwasser ein tendenziell niedrigeres Risiko als bei Hochwasser (mit höherer Strömungsgeschwindigkeit und höherem Wasserdruck), andererseits bringt ein querliegender Baum diese auch bei Niedrigwasser in größere Gefahr als geübte Sportpaddler während einer Hochwasserfahrt. Während erfahrene Sportpaddler ihr Können, Risiko und Selbstrettungsmöglichkeiten realistisch einschätzen können, ist dies ungeübten Schlauchbootfahrer nicht möglich – beide Gruppen durch ein Verbot gleich zu behandeln, schießt deutlich über das Ziel hinaus.

Zum Vergleich sollten Sie vielleicht einmal Skigebiete mit Pisten mit roter, blauer und schwarzer Markierung heranziehen: Wenn ungeübte auf einer schwarzen Piste fahren, ist/gehört das dann verboten? Oder Segelsport: Während einige nur bei leichtem Wind segeln, aber bei stärkerem Wind im Hafen bleiben, fängt für die besseren Segler der Spaß erst bei Windstärke 4 an. Wollen Sie die besseren Sportsegler und wirklichen „Profis“ durch ein Verbot vom Segeln bei stärkerem Wind abhalten oder gar kriminalisieren?

Andere Beispiele (Skaten, Mountainbiken, Klettern, …) erspare ich ihnen jetzt.

Ziel muss daher sein, ungeübte Fahrer durch explizite Warnhinweise von einer Befahrung abzuhalten, ohne erfahrenen Sportlern eine Befahrung per se (mit Bußgeldandrohung) zu verbieten. Falls sich ungeübte Fahrer ohne erfahrene Begleitung und mit mangelhafter Ausrüstung trotzdem bei Hochwasser in Gefahr begeben und Rettungseinsätze verursachen, kann und sollte dies selbstverständlich trotzdem (durch z.B. eine geeignet gestaltete Verordnung und Kriterien für „grob fahrlässiges Verhalten“) geahndet werden – wie dies rechtlich gestaltet werden kann, ist sicherlich eine spannende Herausforderung für einen Juristen.

Abgesehen von Sicherheitsfragen wird der Eindruck vermittelt, als ob die Bootfahrer das größte Problem für die Fauna und Flora der Isar und ihrer Auen sind. Doch die Probleme z.B. für die Fische sind vielfältig: In den flachen Bereichen der Isar sieht man Fadenalgen – ein Anzeichen dafür, dass das Wasser zu stark nährstoffbelastet (Landwirtschaft?) und ggf. zu warm bzw. nicht mehr sauber genug ist. Aber die Äsche, Huchen, Forellen brauchen kühles, sauberes Wasser. Die Wassermenge in der Isar ist im Sommer oft sehr gering, der Ablass aus dem Sylvensteinspeicher beträgt oft nur 13 oder 17 m³/s, da bleiben nur noch wenige tiefe Stellen und das Wasser heizt sich auf. Aber die Ableitungen von Isar und Rissbach zum Walchensee ziehen viel Wasser ab und das fehlt der Isar oberhalb Wolfratshausen!

Bei Hochwasser dagegen verändert sich der ganze Fluss, nimmt neue Wege – im Frühjahr werden damit Kiesbrüter-Gelege auf den Kiesbänken weggespült und Fischlaich im Kies durch Schlammablagerungen erstickt. Welche Rolle spielen da die wenigen Paddler im Winterhalbjahr oder die Schlauchbootfahrer im Sommer? Und welchen Einfluss haben andere Erholungssuchende? Zu praktisch jeder Jahreszeit sind Erholungssuchende (Spaziergänger mit und ohne frei laufende Hunde, Radfahrer, Badegäste, Bootfahrer,…) an und in der Isar unterwegs, einige Übernachten sogar in den Isarauen machen Lagerfeuer. Natürlich ist das verboten, aber fast jeden zieht es in seiner Freizeit raus aus der Stadt in die „freie“ Natur und in Presse und Fernsehen wird zwar laufend die „Freiheit in der Natur“ (beziehungsweise für allerlei Produkte – egal ob für Zigaretten, Kleidung oder Outdoor-Ausrüstung) geworben – nur leider nicht für einen verantwortungsbewussten Umgang mit den letzten Resten von Natur in unserer bayerischen Kulturlandschaft!

Sportpaddler und sogar die oft geschmähten Schlauchbootfahrer sind in der Masse der Erholungssuchenden eine eher kleine Gruppe – und bei vernünftigem Verhalten eher „naturschonend“ unterwegs: Die letzten Kiesbrüter haben kein Problem mit den Paddlern, solange die ausgewiesenen Vogelschutzzonen auf den Kiesflächen zügig passiert und nicht betreten werden. Fische werden in den Wintermonaten und im Frühjahr sowieso nur selten Paddler antreffen, welche sich beim jahreszeitlich typischen Niedrigwasser in der Hauptströmung (und aufgrund der frischen Luft- & Wassertemperaturen auch ohne große Spielereien oder Pausen) flussabwärts bewegen. Störungen der Fische oder ihrer Laichgruben im flachen Wasser sind also ebenso unwahrscheinlich wie Störungen der Kiesbrüter auf den Kiesbänken!

Auf der Isar oberhalb des Sylvensteinsee‘s gibt es aufgrund der Wasserableitungen sowieso meist nicht genug Wasser zum Paddeln – andererseits hat man aber behördlicherseits in den letzten Jahren durch Wegebau für Wanderer und Radfahrer entlang des Flusses erst dafür gesorgt, dass immer genug an den Ufern los ist – warum die Paddler bei den seltenen Gelegenheiten mit ausreichend hohem Wasserstand für eine Befahrung ein Problem darstellen sollen, bleibt wohl ein Rätsel, noch dazu weil Schlauchboote dort oben kaum unterwegs sind.

Überhaupt werden Befahrungsverbote die weder die Probleme mit dem Naturschutz noch mit der Sicherheit lösen: Unwissenheit und Leichtsinn lassen sich (wenn überhaupt) nur durch Aufklärung verringern und ohne die Möglichkeiten, Natur in allen Facetten (d.h. zu verschiedensten Jahreszeiten, Wetterlagen und Wasserständen) zu erleben wird sich auch das Interesse und das Engagement der Einzelnen für einen Schutz und einen Erhalt „Ihrer“ Isar weiter verringern.

Wie es anders geht, haben engagierte Naturschützer und Natursportler in den vergangenen Wochen gemeinsam mit ihrer Info-Aktion am Einstieg in Wolfratshausen gezeigt: Die Hinweise zu sicherem und umweltschonenden Verhalten unter dem Motto „Die Isar ist schützenswerter und Vorsicht erfordernder Wildfluss und keine risikofreie Party-Zone“ wurden von der absoluten Mehrzahl aller angesprochenen Erholungssuchenden/Bootfahrer positiv aufgenommen und ausdrücklich begrüßt – den wenigen Ausnahmen ist wohl leider nur durch verstärkte Kontrollen und Anzeigen z.B. durch die (viel zu wenigen) Isar-Ranger beizukommen. Natürlich braucht es Zeit, Fehlverhalten (vom illegalem Lagerfeuer/Müllentsorgung bis hin zu übermäßigem Alkoholkonsum) und unzureichende Ausrüstung (vom ungeeigneten Bootsmaterial & Paddel bis hin zu fehlender Schwimmweste & Erste-Hilfe-Set) durch Überzeugungsarbeit „abzustellen“ – dafür wirkt diese im Gegensatz zu Verboten dann aber auch langfristig und „richtig“!

Den verantwortungsbewussten Umgang mit den Gefahren durch Strömung und Hindernissen in der Isar sowie die Beherrschung eines Bootes lassen sich darüber hinaus bei Kanusportvereinen oder auch DLRG und Wasserwacht vermitteln, aber auch mit einem (leider immer seltener werdenden) flächendeckenden Schwimmunterricht in den Schulen wäre schon einiges gewonnen – wobei gerade bei höheren Wasserständen Welten zwischen „Baden im Schwimmbad“ und „Strömungsschwimmen in der Isar“ liegen!

Straßen werden auch nicht nach einem Unfall für längere Zeit gesperrt.

Die Isar ist ein wunderbarer Fluss und wertvoller Naturraum – ihn und den Zugang zu ihm für unsere Kinder zu erhalten, ist unsere Verpflichtung. Beschränkungen des verfassungsgemäßen Rechts auf Zugang zur freien Natur können und dürfen hier nur die letzte Option sein. Lassen Sie uns also erst einmal ernsthaft versuchen, das Verhalten der verschiedenen Isar-Nutzer an Land und auf dem Wasser positiv zu verändern – wir als Kanusportler jedenfalls stehen für ein aktives Engagement und eine konstruktive Zusammenarbeit in dieser Richtung bereit!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.